Publikation Nr.
06-26
Autor:
Kurt Steinegger

Die Ostfront 1945

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Fährt man von Berlin in Richtung Warschau, schneidet die Strasse zirka 50 km hinter Frankfurt – Oder eine der grössten noch erhalten gebliebenen Festungsfronten in Europa. Für den Betrachter nicht sofort sichtbar, reiht sich in der durch Baumgruppen und Hügelketten geprägten Landschaft eine Vielzahl von Anlagen der Festungsfront aneinander. Nur das geübte Auge des Spezialisten erkennt die Bunker und Stahlkuppeln als Teile der komplexen Festungslinie. Dabei handelt es sich um eine ursprünglich auf 110 km Breite ausgelegte Festungsfront, die in den 1930er Jahren 120 km von Berlin entfernt zur Verteidigung der Reichshauptstadt gebaut wurde. Die Überreste prägen noch heute die westpolnische Landschaft im Gebiet zwischen Oder und Warthe. Die Festungsfront verläuft von Skwierzyna (Schwerin) an der Warthe im Norden über Miedzyrez (Meseritz) bis in das Gebiet von Schwiebodzin (Schwiebus). Sie ist nach der Maginot-Linie in Frankreich hinsichtlich ihrer Ausdehnung und in technischer Hinsicht die bedeutendste Festungslinie Europas.

Die Festungsfront Oder-Warthe-Bogen (FF OWB) wurde in den Jahren 1934 bis 1938 als Verstärkung der bereits vorhandenen Nischlitz-Obra-Linie, deren Bauwerke in die Festungsfront integriert wurden, erbaut. Geplant war, hier auf einer Länge von ca. 100 km von Skwierzyna (Schwerin a.d. Warthe) im Norden bis ungefähr Nietkowice (Neftkow) im Süden an der Oder eine Kette von ca. 330 sogenannten Panzerwerken in schwerer und schwerster Ausbaustufe, ausgestattet mit Maschinengewehren, Flammenwerfern, Maschinengranatwerfern, Turmbatterien mit Haubitzen und Kanonen sowie einer starken Panzerabwehr zu errichten. Sie hatte die Aufgabe, das sogenannte «Lebuser Tor» zwischen Netze-Anschlussstellung im Norden und Oder-Stellung im Süden zu sperren, da es von hier aus nur noch ca. 160 km bis Berlin sind und sich hier auch keinerlei ernstzunehmende Befestigungen ausser der alten Festung Küstrin befanden. Alle diese Panzerwerke sollten durch eine unterirdische Stollenbahn miteinander verbunden werden. Letztendlich wurden 83 Panzerwerke, 14 Anlagen in Ausbaustufe C (60 cm Wandstärke) sowie eine unvollendete Panzerbatterie und ein ebenfalls unvollendet gebliebenes Panzerwerk in schwerster Ausbaustufe errichtet. Davon wurden im Zentralabschnitt immerhin 21 Panzerwerke an das ca. 28 km lange unterirdische Stollensystem angeschlossen. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die unzähligen hydrotechnischen Sperranlagen wie Drehbrücken, Kipprollbrücken, Anstauanlagen, taktische Kanäle und Stauräume und, nicht zu vergessen, das Wasserschloss 602 in Olobok (Mühlbock), das den Abfluss des grossen Nischlitz-Sees in die Überschwemmungsgebiete regelte.

1938 wurden die Bauarbeiten abrupt zu Gunsten des Ausbaus des Westwalls gestoppt und die Anlagen desarmiert. Im Januar 1945, nach verzweifelten Versuchen der Wiederausrüstung, endete der einzige militärische Einsatz der FF OWB nach wenigen Stunden mit dem Durchbruch der sowjetischen Streitkräfte im Zentralabschnitt. Nur einzelne Werke leisteten erbitterten Widerstand und lieferten sich verlustreiche Gefechte mit den Russen.

Nach Kriegsende übernahm die sowjetische Armee die Anlagen der FF OWB. Diese wurden teilweise zerstört, zugeschüttet und ihrer Eisenteile beraubt. Viele der Bauwerke sind jedoch erhalten geblieben, genauso wie das heute in Abschnitten frei begehbare unterirdische Stollensystem. Grosse Teile der Stollen wie auch viele der Anlagen sind heute allerdings verschlossen und zum Naturschutzreservat erklärt worden, da eine riesige Fledermauspopulation (12 Gattungen, ca. 20’000 Exemplare) sich diese Gänge und Bauwerke mit ihrer relativ gleichbleibenden Temperatur als Winterquartier erobert haben. Die FF OWB gilt heute als das grösste Fledermaus-Winterquartier Europas.

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